Bauchtanz


  
Die Bezeichnung "Bauchtanz" stammt vermutlich aus der französischen Bezeichnung "Danse du ventre" (Tanz des Bauches). In ihren Romanen bezeichneten die französischen Schriftsteller Émile Zola und Gustave Flaubert den Orientalischen Tanz als "Danse du ventre". Gustave Flaubert beschreibt in seinem Reisebericht "Reise in den Orient" auch orientalische Tänzerinnen, die er auf seinen Reisen gesehen hat. Ebenso denkbar kann die Bezeichnung "Raks Balady", übersetzt "Balady Dance (Tanz der Leute = Einheimische in Ägypten)", zu der englischen Bezeichnung "Bellydance" (=Bauchtanz) geführt haben.

Ägyptischer Bauchtanz ist die fälschlicherweise häufig benutzte Bezeichnung für "Raqs al Sharqi" [sprich: "Rak Scharki"], die arabische Bezeichnung für den Solotanz der Frauen in Ägypten. Wörtlich übersetzt heißt "Raqs al Sharqi" = "Tanz des Ostens". Damit wird nur seine Herkunft angedeutet und nicht die oftmals fälschlich angenommene Bezeichnung als "orientalischer Tanz" oder gar als "Bauchtanz".

Seit einigen Jahren haben viele europäische und amerikanische Tänzerinnen diesen Begriff für orientalisierte Showtänze übernommen, so dass die Bezeichnung "Raqs al Sharqi" heute für Bauchtanz in vielfältigster Weise benutzt wird. Obwohl sich all diese Tanzformen auf die arabische Kultur beziehen, unterscheiden sie sich sowohl geschichtlich, nach ihrem künstlerischen Ausdruck als auch von ihrer Intention deutlich.


  
Der ursprüngliche "Raqs al Sharqi" hat seinen Ursprung in Ägypten, einem Land das im Laufe seiner langen Geschichte durch unterschiedlichste kulturelle Einflüsse, arabische, islamische, afrikanische, nubische, romanische und auch europäische geprägt wurde und die sich in der musikalische wie tänzerische Volkskultur Ägyptens niederschlagen.

Es gibt heutzutage drei Stilrichtungen des "Raqs al Sharqi", es sind im Einzelnen: " ländliche einfache Tänze, genannt "Shaabi" " den durch Verstädterung entstandenen "Baladi" " eine Bühnenform, die sich an den Höfen der Adeligen entwickelt hat, den sogenannten "klassischen Sharqi" (klassischen Tanz).

Im Gegensatz zu unseren europäischen, überwiegend in Formation getanzten, Volkstänzen, sind die ländlichen ägyptischen Tänze sind bis heute individuelle Tänze. Jede Tänzerin lebt die Musik beim Tanzen mit ihrem Körper und Ausdruck ohne sich auf Schrittfolgen oder sonstige Beschränkungen festzulegen. "Shaabi"-Tänzerinnen brauchen auch keine Schrittfolgen, denn als autonome und starke Frau bewegt sie sich grundsätzlich und automatisch im Rhythmus, ob bei der Arbeit, in der Freizeit oder natürlich gerade bei rhythmischer orientalischer Musik. Westliche Erziehung und/oder anerzogene Zurückhaltung können daher bei mancher "Sharqi-Tänzerin" Blockaden erzeugen, die es erst wieder zu überwinden gilt

Daher findet diese "Rückeroberung der körperlichen und natürlichen Freiheit" bei westlichen Frauen, die "Raqs al Sharqi" erlernen, oft mit großen Emotionen statt, denn es ist uns vielfach fremd, einfach nur den Rhythmus und die Musik zu leben und zu tanzen. Hierin liegt auch die große Gefahr des Ausdrucktanzes für westliche Tänzerinnen. In dem Moment, wo man tänzerischen Klischees folgt oder nur nach einstudierten Choreografien tanzt, bemerkt dies der Betrachter sofort, den es fehlen Natürlichkeit, Freude und Rhythmusgefühl. Tänzerischer "Künsteleien" haben den "Raqs al Sharqi" in den letzten Jahrzehnten vielfach mehr als "verstümmelt". Es gilt daher auch die Formel "Je größer die innere Ruhe, umso stärker die Ausstrahlung".

Die Baladi-Tänzerin in urbanen Regionen hingegen tanzt in einer Mischform von ländlicher Lebensfreude und melancholischen Traurigkeit. auf der anderen Seite. Wegen der räumlichen Eingeschränktheit (z.B. in Bars) wurden die Bewegungen oft nur angedeutet. Diese Zurückhaltung verstärkt die Ausdruckskraft der Tänzerin, die ob mehr ländlich oder schon städtisch elegant immer subtil, fein und sehr verspielt in Kommunikation mit der Musik tritt. Meist trugen die Baladi-Tänzerinnen aufgrund ihrer ländlichen Herkunft Kopfschleier, inzwischen jedoch keine einfachen ländlichen Materialien mehr, sondern weiche, elegante und edle Stoffe.

Im Gegensatz dazu steht der klassische "Raqs al Sharqi". Seine Herkunft ist die höfische Welt, wo die Adeligen je nach Finanzkraft eigene Musikensembles unterhielten. Hieraus entwickelte sich eine höfische, nahezu ballettähnliche Tanzform, die anders als der "Baladi" den Raum tänzerisch voll ausnützt. Viele Drehungen mit durchsichtigen großen Schleiern verleihen dem "Baladi" Großzügigkeit und Leichtigkeit.

Viele Frauen haben im "Raqs al Sharqi" das gefunden, was kein anderer Tanz vermochte: Zentriertheit, Ruhe und Präsenz. Tatsächlich vermittelt die Körpersprache des "Raqs al Sharqi" eine selbstbestimmte, aufrechte und würdevolle Lebenshaltung, die in den arabischen Solotänzen in dieser Form einzigartig ist


Referenz
Märchen
Kölner Stadtanzeiger